Warum psychisch Kranke gar nicht krank sind

Sie schränken im Alltag ein, belasten in Kindergarten, Schule und Beruf, erschweren soziale Kontakte und Beziehungen und machen das Miteinander für viele Menschen nahezu unmöglich: sogenannte “psychische Krankheiten”. Die Begrifflichkeit der Krankheit ist dabei ein großes Streitthema, welches jedoch in der breiten Öffentlichkeit kaum bekannt ist, und führt zu einer schwierigen, wenn nicht sogar falschen Betrachtungsweise von Aussenstehenden auf die Betroffenen, aber auch von den Betroffenen auf sich selbst. Warum das so ist und wie das Miteinander unterschiedlich funktionierender Menschen vielleicht verbessert werden kann, versuche ich hier aufzuschlüsseln.

Disclaimer: Ich bin keine Fachfrau, habe weder ein Medizin- oder Psychologiestudium, noch arbeite ich in diesem Bereich. Ich schreibe aus Erfahrungen in meinem engsten Umfeld, aber auch aus eigener Erfahrung, und auf Grundlage von Beobachtungen und unzähligen Gesprächen mit Betroffenen und Fachleuten.

Bleiben wir vorerst bei der vorherrschenden Begrifflichkeit. Es gibt psychische Krankheiten, welche angeboren sind, und solche, die durch traumatische Ereignisse oder Lebensabschnitte entstehen. Wo hier die Grenze verläuft ist strittig und noch nicht annähernd ausreichend erforscht. Ih möchte mir für diesen Artikel zwei Beispiele herauspicken, welche ich persönlich sehr intensiv miterlebt habe: den hochfunktionalen Autismus, wie zum Beispiel das Asperger-Syndrom, welches laut diverser Forschungen angeboren ist, sowie Persönlichkeitsstörungen (beispielsweise die emotional-instabile Borderline-Persönlichkeitsstörung).

Was bedeuten diese Diagnosen?

Vereint sind nahezu alle psychischen Krankheiten in der Tatsache, dass sich die Denkmuster der Betroffenen mehr oder weniger stark von denen anderer Menschen unterscheiden.

Ein Mensch mit dem Asperger-Syndrom hat, auch wenn die Ausprägungen stark differenzieren können, meist eine besondere Begabung auf einem oder mehreren Gebieten, während jedoch seine Fähigkeiten in zwischenmenschlichen Bereichen eingeschränkt sind. Es gibt hierzu die Theorie, dass die Hirnregionen für die verschiedenen Aufgaben anders verteilt sind als beim Durchschnittsmenschen, und dass dies möglicherweise auf eine genetische Anomalie zurückzuführen ist. Besonders das Anwenden und Deuten von nicht-verbaler Interaktion, wie Gestik, Mimik und Körperhaltung, fällt dem sog. “Aspie” meist schwer, während er jedoch in bestimmten Gebieten eine außergewöhnlich stark ausgeprägte Inselbegabung aufweist. 

Bei der Borderline-Persönlichkeitsstörung, welche durch traumatische Ereignisse meist in der frühen Kindheit und Jugend verursacht wird, gibt es ebenfalls verschiedenste Ausprägungen, welche sich gesammelt in emotionaler Instabilität äußern, wie beispielsweise einer panischen Angst vor dem Verlassenwerden, instabilen zwischenmenschlichen Beziehungen, einem instabilen Selbstbild, Impulsivität, Selbstschädigung,  Suizid oder der Androhung eines Selbstmordes, Selbstverletzung, einem chronisches Leeregefühl,  unangemessener Wut, Kontrollverlusten, Paranoia und Dissoziation.

Weiterhin verbindet beide Diagnosen die Tatsache, dass die Betroffenen keine Schuld an ihrem Zustand trifft und dieser Punkt ist besonders hervorzuheben. Beim Asperger-Syndrom ist dies leicht verständlich, da es angeboren ist. Jedoch ist auch ein sog. “Borderliner” nicht für seine Probleme verantwortlich. Diese entstehen meist in einer frühen Entwicklungsphase in der Kindheit und teilweise auch der Jugend, wenn diese durch traumatische Erlebnisse geprägt ist, wozu z.B. Misshandlung oder Vernachlässigung zu zählen sind.

Während sie unschuldig an ihrem jeweiligen Zustand sind, so haben sie doch den größten Teil der damit verbundenen Bürde zu tragen. Ein Kind mit dem Asperger-Syndrom wird sich schon im Kindergarten und dann weiterhin in der Schule, der Ausbildung, dem Studium, dem Beruf schwer tun, soziale Kontakte zu knüpfen, sofern ein derartiger Lebensweg überhaupt eingeschlagen werden kann. Nicht wenige verlassen nie das Nest der Eltern, wo sie sich sicher und geborgen fühlen. Klinisch diagnostizierte, emotional instabile Menschen wiederum haben mit Selbstzweifeln und -hass, Ängsten und dem verzweifelten Wunsch nach der Nähe, die sie so sehr einschüchtert, zu kämpfen. Gut beschrieben ist das in dem Buchtitel “Ich hasse dich, verlass mich nicht!” Und meist ist es mit der Hauptdiagnose nicht getan, denn die Folgen dieser führen meist zu weiteren Problemen, wie Depressionen oder Suchterkrankungen.

Die verblebende Last, die der Betroffene selbst nicht tragen kann, lädt er auf dem Rücken anderer ab, sei es nun Familie, Freunde, Partner oder Kollegen. Was diese Menschen mit ihrem psychisch kranken Mitmenschen teilweise durchleiden müssen, ist für viele kaum vorstellbar. Man stelle sich vor, der Mensch, der einem am meisten bedeutet, findet Frieden in dem Gedanken, sich das Leben zu nehmen. Es folgt ein Leben in Angst vor dem Verlust und dem damit verbundenen Schuldgefühl, dass man doch nicht genug getan haben könnte. Stimmungsschwankungen, Rückzug vom Umfeld und auch leidenschaftliche Hingabe für ein Hobby klingen zwar weniger schlimm, können eine jede zwischenmenschliche Beziehung jedoch ebenfalls unglaublich schwer belasten.

Doch warum behaupte ich nun, dass diese Menschen am Ende vielleicht doch gar nicht krank sind?

Wie ich schon schrieb, zeichnen sich die sog. “Krankheiten” durch Denkmuster aus, welche von der Norm abweichen. Bereits in frühester Kindheit werden wir normiert: Wie groß sind wir und wie schwer, wann sprechen, krabbeln und laufen wir? Wie gut sind wir in Mathe Deutsch, Englisch und Sport? Wir werden mit dem Gedanken erzogen, dass ein Mensch nur dann “richtig” ist, wenn er diesen Vorgaben entspricht. Wir sollen eigentlich alle die sprichwörtliche eierlegende Wollmilchsau sein: gebildet, gutaussehend, sportlich, sozial kompetent, mit einer hohen Leistungsfähigkeit, mit 30 verheiratet, Kind und Hypothek.

Der Künstler, der meinen Lieblingssong geschrieben hat, liegt vermutlich außerhalb der Norm, ebenso der Programmierer, der die Basis dieser Website schrieb oder das Betriebssystem auf meinem Rechner oder meinem Smartphone. Viele unserer Helden entsprechen keiner Vorgabe und wurden genau deshalb zu den herausragenden Persönlichkeiten, als die sie bekannt und verehrt werden: Jim Morrison und Jimi Hendrix, Steve Jobs und Edward Snowden, Stephen Hawking und Alan Turing.

Die Norm ist immer abhängig von dem gesellschaftlichen Umfeld, in dem wir uns befinden. Wir alle wären abnormal in einem afrikanischen Nomadenvolk – egal ob wir Aspie, Borderliner oder Normalo sind. Das müssen wir uns immer vor Augen halten!

Bei allen Schwächen und Schwierigkeiten ist es immer wichtig, in jedem Menschen – egal ob als krank diagnostiziert oder nicht – das Positive zu sehen. Jeder Mensch hat seine Stärken. Vielleicht wird das seltsame Kind mit dem Asperger-Syndrom eine Form der Energiegewinnung finden, welche uns gänzlich unabhängig von nicht-regenerativen Rohstoffen macht. Oder vielleicht wird das schwarz gekleidete Mädchen mit den Narben an den Armen eines Tages diejenige sein, welche du auf der Bühne bewunderst.

Diese Menschen sind nicht krank, sie sind anders und damit einer Gesellschaft nicht gewachsen, welche auf der Gleichheit ihrer Mitglieder basiert. Deshalb ziehen sie sich zurück, deshalb versinken sie immer tiefer in ihrer Krankheit, deshalb halten sie sich für weniger wertvoll. Helft ihnen über die Hindernisse, wenn sie zu stolpern drohen, reicht ihnen eine Hand – eine kleine Geste kann Wunder wirken! Schluss mit Vorurteilen und vorschnellen Urteilen! Man weiß nie, welche Geschichte der komische Kauz vielleicht hatte.

Ein Mensch, der sich diagnostizieren lässt, sucht zumindest Hilfe, um an seinen Schwächen zu arbeiten, wenn er es selbst nicht mehr kann. Tust du das auch?


Als Freundin des geschriebenen Wortes liegt mir persönlich das Semicolon Project sehr am Herzen. Ein Autor benutzt ein Semikolon, wenn er einen Satz zwar beenden könnte, sich aber entschließt, ihn weiterzuführen. Du bist der Autor – dein Leben ist der Satz. Deine Geschichte ist noch nicht zu Ende – schreib’ sie weiter!

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